Mülheimer Dramatikpreis an Kim de l‘Horizon
Es war eine tolle Moderation des geschätzten Kollegen Janis El-Bira: Kompetent, sympathisch und umsichtig leitete er die Jury-Diskussion zur Vergabe des diesjährigen, wie in den Vorjahren mit € 15.000,00 dotierten Mülheimer Dramatikpreises – und vor allem sehr stringent. Dass der Preisträger bereits nach zwei Stunden feststand, war in all den Jahren, in denen der Schreiber dieser Zeilen den öffentlichen Sitzungen mit Spannung folgt, Rekord. Dabei war man sich in der fünfköpfigen Jury gar nicht so einig: Erkennbar waren die Beutemuster der Jurorinnen und Juroren so unterschiedlich wie die zur Diskussion stehenden Stücke. Am Ende aber gab es ein knappes 3:2 für Kim de l’Horizon.
Die non-binäre Autorenperson hat einen sprachgewaltigen, um nicht zu sagen sprachverliebten Text über die „Andersheit“ geschrieben. Der Titel verrät’s: Die kleinen Meerjungraun spielt mit Motiven aus Hans Christian Andersens Märchen „Die kleine Meerjungfrau“ inklusive ihrer Disney-Verfilmung. Aber auch eine höchst eigenständige, verfremdete Allerleirauh-Figur tritt auf, hat, wie es die Jurorin Vidina Popov beschrieb, verschiedene Häute und kann sich verstellen. Und sie verkörpert das „Raue“ der Raun. Dass die fischschwänzigen, flutschigen, weichen Nixen und Meerjungfrauen eher non-binäre Wesen sind, haben schon andere Autoren und Regisseure entdeckt; ihr Wunsch nach Anpassung an das Normative der Beinigen steht auch bei de l’Horizon im Zentrum. Aber de l’Horizon will sein Drama ausdrücklich nicht nur auf die Genderfrage, sondern auch auf andere Normen und Norm-Abweichungen wie die Klassenzugehörigkeit beziehen. Ihre Klassenscham sei größer als ihre Geschlechterscham, hat die Autoren-Person einmal in einem Interview mit der ZEIT gesagt.
Das Schöne ist: Aggressiv sind de l‘Horizons Texte nicht. Die kleinen Meerjungraun mäandern zwischen Humor, Phantasie und etwas verstiegener Poesie. Fantasievoll und hochkreativ ist auch die Sprache. Einfach zu lesen und zu hören ist die nicht, aber sie steckt voller zitierfähigem Assoziations- und Aphorismen-Material. Die Sprache war es vor allem, die die Jury überzeugt hat. Sie sei so flutschig wie die Schwänze der Meerjungfrauen, sie sprudele und lasse das Wasser schwappen, sie sei „eine Sprache in 4D“. Manchmal, findet der Unterzeichner, übertreibt es de l’Horizon allerdings mit Verbalakrobatik, und das geht dann zu Lasten der Verständlichkeit. Das Stück wurde in Mülheim in der Uraufführungs-Inszenierung von Alia Luque (Trio ACE) vom Theater Bern gezeigt. Auch der mit € 5.000,00 dotierte Publikumspreis ging an Kim de l’Horizon.
Die übrigen zwei Juroren stimmten ebenfalls für ein Sprachexperiment. Anna Behringer, das Autorinnen-Ich der Regisseurin Thirza Bruncken, hat ihre Aufzeichnungen aus einem weißen Zimmer in Form eines Langgedichts geschrieben, das Bruncken am Schauspiel Leipzig höchst sensibel inszeniert hat. Auch bei ihr geht es um „Andersheit“ – allerdings eine ganz anders geartete: Zwei Schwestern, Kinder noch, leiden an einer schweren Form der Neurodivergenz, werden von den behandelnden Ärzten als „Automaten“ stigmatisiert und sind vergeblich bemüht, ihre Gefühlswelt und ihr Verhalten sozialen Standards und Normen anzupassen: „Ich kann mich sozial verhalten. Das ist als spiele ich in einem Stück“, formulieren sie. Weggesperrt in der psychiatrischen Klinik, ausgegrenzt aus Familie und Gesellschaft, glauben sie selbst, was ihnen von den „Normalos“ widergespiegelt wird: Sie haben die „falschen Gefühle“. Der Text sei suchend und voller Empathie, beschrieb die Jurorin Sarah Heppekausen. Der Schreiber dieser Zeilen stimmt nicht nur ihr, sondern auch den beiden Mädchen vehement zu: „Traurige Menschen schreiben manchmal schöne Gedichte.“
In der Endrunde der Diskussion befand sich ferner Avishai Milsteins Play Auerbach!, ein waghalsiges, aber nach Ansicht des Unterzeichners ein wenig konventionell rüberkommendes Experiment, ein Stück über den Nachkriegs-Antisemitismus als Revue zu konzipieren. Gerade die Revue-Form, die der Unterzeichner in diesem Online-Feuilleton kritisch betrachtet hat ), überzeugte alle fünf Juroren. Vidina Popov hob hervor, dass Milstein, einer der bedeutendsten israelischen Dramatiker der Gegenwart, in seiner Auftragsarbeit für die Münchner Kammerspiele „die Grenzen des Humors ausgetestet“ habe und schonungslos mit der sogenannten deutschen Erinnerungskultur umgegangen sei. - Vierte im Bunde der Finalisten war schließlich Caren Jeß, mit einem erneut humorvollen sprachakrobatischen Werk To My Litte Boy – Held aus Polyester.
Bereits am 22. Mai entschied eine Jury über den Mülheimer KinderStückePreis. Ausgezeichnet wurde in diesem Jahr die in Dortmund geborene und in Düsseldorf lebende Autorin Simone Saftig für ihr Stück herzkopfüber, das in Mülheim in einer Inszenierung von Tamira Kalmbach vom Stadttheater Gießen gezeigt wurde. Bemerkenswerterweise handelt es sich um einen Text für Kinder ab sieben Jahren, der das Thema der Krebserkrankung der Mutter in den Vordergrund stellt. Die Kolleginnen und Kollegen, die die Inszenierung sehen konnten, waren begeistert.
Der 1986 vom Förderverein des Theaters an der Ruhr aus der Taufe gehobene und seit 2022 im Rahmen der Mülheimer Theatertage verliehene Gordana-Kosanovic-Preis wurde in diesem Jahr von der Allein-Jurorin Sarah Heppekausen an Shirin Ali für ihre Rolle als Shirin in Arad Dabiris Stück DRUCK!, vorgestellt vom Nationaltheater Mannheim in der Inszenierung von Ay?e Güvendiren, vergeben ). Dabiri schaffte es nicht in die Endausscheidung der letzten vier. Für den Unterzeichner gehörte er neben Anna Behringer und Kim de l’Horizon zu den preiswürdigsten Kandidat:innen.
Alle im Wettbewerb für die Erwachsenenstücke gezeigten Inszenierungen werden oder wurden von theater:pur rezensiert. - Dietmar Zimmermann